Sich selbst an erste Stelle setzen: Ist das egositisch?

Immer im Urlaub krank, immer die anderen zuerst? Warum du dich an die erste Stelle stellen darfst, was das mit der Sauerstoffmaske im Flugzeug zu tun hat und drei Dinge, die mir dabei geholfen haben.

Erster Urlaubstag. Monatelang hast du dich draufgefreut, Vollgas gegeben, alles durchgezogen. Und dann, ausgerechnet jetzt, kratzt morgens der Hals. Zwei Tage später liegst du mit Fieber flach und die erste Urlaubswoche ist gelaufen.

Kennst du das? Das ganze Jahr funktionierst du, und kaum stehst du mal still, macht dein Körper schlapp. Bei mir konntest du früher die Uhr danach stellen.

Und das ist kein Pech, das ist ein System. Die meisten von uns fahren das ganze Jahr auf Reserve und wundern sich, dass sie in der Sekunde zusammenklappen, in der sie mal Pause machen. Der Grund ist unbequem: In deiner eigenen Prioritätenliste kommst du zuletzt. Erst der Job, dann der Partner, und irgendwo weit hinten dann vielleicht du.

Ich hab mir irgendwann mal ganz ehrlich die Frage gestellt: Wer steht bei mir eigentlich an erster Stelle? Die Antwort war der Job, dann die Freundin, und dann kam irgendwann ich. Das Spannende ist, ich hab die gleiche Frage später einer ziemlich gestressten Freundin gestellt, und sie hat exakt genauso geantwortet. Ich war also nicht allein mit dem Problem.

Heute steht bei mir an erster Stelle: ich. Nicht aus Egoismus, sondern weil ich eine ziemlich simple Sache verstanden habe.

Du kennst die Ansage im Flugzeug: Bei einem Druckabfall setzt du erst dir selbst die Sauerstoffmaske auf und dann den anderen. Klingt logisch. Trotzdem machen wir im echten Leben genau das Gegenteil. Wir versorgen alle anderen zuerst und wundern uns, dass am Ende für uns nichts mehr übrig ist. Ich hab diese Frage damals übrigens auch falsch beantwortet. Drei Dinge haben mir geholfen, das zu drehen.

Wie ich gelernt hab, mich an die erste Stelle zu stellen

1. Hinterfrage deine Glaubenssätze

Als ich mir zum ersten Mal gesagt hab „Tim, du stehst an erster Stelle“, kam sofort der Gedanke: Das ist doch egoistisch. Und ich hab gemerkt, wie tief das in uns drinsteckt, dass sich selbst wichtig nehmen automatisch mit Egoismus verbunden wird. Der zweite Reflex war noch spannender, ich hab nämlich sofort umpriorisiert: „Sport kannst du auch morgen machen, erst kommt der Call, dann die Mail, dann die Zeit mit der Freundin.“ Ich hab diese Sätze einmal aufgeschrieben, durchgestrichen und ersetzt. Der Preis ist ehrlich: Du musst dir eingestehen, dass ausgerechnet deine selbstlosen Reflexe dich leer laufen lassen.

2. Starte eine lächerlich kleine Morgenroutine

Mein Kalender war komplett fremdbestimmt. Also hab ich mir die Zeit für mich genommen, bevor der Tag sie sich holen konnte, nämlich gleich nach dem Aufstehen. Angefangen hab ich lächerlich klein: fünf Minuten auf der Couch, ein Cappuccino, kein Handy, kein Podcast, nichts lesen, einfach nur sitzen. Das hat sich sofort gut angefühlt. Nach und nach wurden daraus zehn Minuten, dann kam Yoga dazu, dann ein Buch, dann die Tagesplanung. Heute ist es eine ganze Stunde. Der Preis: Du stehst eine Stunde früher auf, gehst eine Stunde früher ins Bett und triffst dich vielleicht mal seltener mit Freunden. Mir war es das sowas von wert.

3. Lerne Nein zu sagen

Nein sagen ist wie ein Muskel, den du trainieren musst. Und du fängst am besten bei kleinen Dingen an. Sag eine Verabredung am Abend mal ab, weil du merkst, du hast einfach keine Energie mehr. Auch das hat einen Preis, weil manche Freunde dein Nein nicht sofort akzeptieren und vielleicht kurz sauer sind. Aber genau das ist der Punkt: Jede Entscheidung kostet etwas, und du entscheidest, welchen Preis du zahlst. Lieber im Urlaub krank oder einen Abend lang jemanden ein bisschen verärgert? Irgendwann ist der Muskel so stark, dass du sogar zu deinem Chef Nein sagen kannst.

Warum das kein Egoismus ist

Wenn du dich an die erste Stelle stellst, gibst du deinem Kopf ein klares Signal: Ich, meine Ziele und das, was ich im Leben erreichen will, haben Priorität, und alles andere darf sich dahinter anstellen. Das ist kein Egoismus, das ist die Grundlage dafür, dass überhaupt Energie für die anderen übrig bleibt. Genau wie mit der Sauerstoffmaske: Wer sich selbst versorgt, kann erst richtig helfen.

Und genau das ist der Unterschied zwischen dem Urlaub, in dem du mit Fieber flach liegst, und dem, in dem du wirklich auftankst. Der Unterschied ist keine Frage von Glück oder einem besseren Immunsystem. Er ist eine Frage davon, an welcher Stelle deiner eigenen Liste du stehst.

Und das fängt nicht mit der perfekten Morgenroutine an. Es fängt mit einer einzigen ehrlichen Frage an: Wer steht bei dir gerade wirklich an erster Stelle?

Genau dabei will ich dir helfen. In meinem Podcast „Bleib dir treu“ nehm ich dich mit durch meine Learnings aus 33 Jahren Leben. Und weil Zuhören allein wenig verändert, gibt es zu jeder Folge eine Aufgabe. Die schreibst du dir handschriftlich ins „Bleib dir treu“ Arbeitsbuch. Dann bleibt es wirklich hängen und du kommst ins Handeln, statt nur zu nicken und weiterzuscrollen.

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DIE AUFGABE ZU DIESEM ARTIKEL

Vom Lesen ins Schreiben.

Im Arbeitsbuch stehen 26 Aufgaben zu den 27 Folgen. Alle zwei Wochen rund 30 Minuten — 10–15 Minuten hören, 15 Minuten schreiben. Dieser Artikel bleibt Gedanke, bis du ihn aufschreibst.

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Tim Stiefel

GESCHRIEBEN VON

Tim Stiefel

Ich war bei BMW, selbstständig, arbeitslos. Ich habe Wirtschaftsingenieurswesen studiert. Als Personaltrainer gearbeitet. Ich hatte sportliche Unfälle, die mich flachgelegt haben. Und jedes Mal musste ich mich zurück kämpfen, raus aus der Komfortzone, mitten ins Ungewisse. Jetzt freue ich mich all meine Learnings an dich weitergeben zu dürfen.